Stellungnahme von EUROPA JETZT! zur Debatte des Konvents
Partizipative Demokratie und repräsentative
Demokratie
1. Die Souveränität des Volkes
Als man mit der Ausarbeitung der Grundrechte-Charta begann, ließ das
Präsidium des Konvents ein Dokument zirkulieren, das den Titel trug
„Vorschläge für Artikel über die Bürgerrechte“. In der
beigefügten Darlegung der Gründe wurde präzisiert, dass diese
Artikel sich auf die Rechte bezögen, die mit den Grundprinzipien der
Demokratie verbunden sind und später in die Charta aufgenommen würden.
Der erste Artikel begann mit einem Satz, den ich zitieren möchte: „Alle
Macht geht vom Volke aus“. Eine große Zahl dieser Artikel wurde
dann tatsächlich in die Charta aufgenommen, nicht jedoch der Satz über
das europäische Volk, der jetzt in den geschlossenen Archiven des Konvents
liegt.
Das ist ein ernstes Signal, denn die Verfassungen zahlreicher Ländern
der Europäischen Union beginnen gerade mit einer solchen, die Quellen
der Souveränität aufzeigenden Bestätigung.
Bei allen Überlegungen zur Zukunft Europas und besonders zur Frage nach
den Beziehungen zwischen der partizipativen Demokratie und der repräsentativen
Demokratie, darf darum niemals die Quelle der Souveränität, das
Volk, vergessen werden. Wenn einmal dieses Prinzip bestätigt wurde,
geht es anschließend darum festzulegen, wie sich diese Souveränität
konkretisiert.
2. Repräsentative Demokratie und partizipative Demokratie
Hier besteht ein aufzuklärendes Missverständnis, das sich auf die
Beziehungen zwischen der partizipativen Demokratie und der repräsentativen
Demokratie erstreckt. Verschiedene Vertreter der Zivilgesellschaft tendieren
dahin, glauben zu machen, dass das Ziel darin besteht, die repräsentative
Demokratie teilweise durch noch festzulegende Teile der partizipativen Demokratie
zu ersetzen. Das ist natürlich nicht der Fall und es ist auch schwierig
sich vorzustellen, wie das geschehen sollte.
Die entscheidende Frage ist nicht die repräsentative Demokratie zu ersetzen,
sondern sie zu vervollständigen. Die europäische Gesellschaft,
in der wir heute leben, die Demokratie des XXI. Jahrhunderts verlangt nach
neuen Demokratieformen, die die Demokratie, wie sie vor zwei Jahrhunderten
als repräsentative Demokratie konzipiert wurde, vervollkommnen müssen.
Aus diesem Grunde ist es angebracht, wenn man versucht „Zivilgesellschaft“
zu definieren, auf bestimmte Quellen und Sprachelemente zurückzugreifen.
Castoriadis schrieb, dass die Gesellschaft sich zusammensetzt aus drei Elementen:
aus dem „Oikos“ als dem Haus, d.h. dem privaten Leben, der „ecclesia“, dem
öffentlichen Ort oder der Macht, und dem „agora“, der zivilen Gesellschaft.
Um noch eine andere Quelle zu zitieren, so sagte Gramsci, dass seiner Meinung
nach die Gesellschaft aus drei Komponenten bestehe: aus der wirtschaftlichen
Macht, der öffentlichen Macht und der Zivilgesellschaft. Der Staat ist
das Instrument, das diesen drei Elementen, diesen drei Säulen der Gesellschaft,
ermöglicht, zu kooperieren, zu dialogisieren.
Diese Fragen sind jedoch bedeutungsvoll um zu verstehen, wie wir uns platzieren
am Vorabend einer bedeutungsvollen Phase des Aufbaus Europas, die in der
Errichtung eines neuen Modells europäischer Demokratie münden wird.
Die Schlüsselfrage in diesem Zusammenhang ist die Notwendigkeit, auf
die Quelle der Souveränität – das Volk - zurückzukommen.
3. Die Grenzen der Zivilgesellschaft...
Nach der Klärung dieses Punktes sollten die Fragen nach den Grenzen
der Zivilgesellschaft aufgeworfen werden.
Die Grundfrage für die NGO ist die ihrer Repräsentativität,
die ihre Legitimität begleitet, ergänzt und verstärkt.
Die Legitimität und die Repräsentativität dieser Organisationen
entsteht auch aus ihrer Fähigkeit, in ihrem Inneren Transparenz zu praktizieren
und sich in Netzwerken zu organisieren, damit sie das was die Zivilgesellschaft,
die öffentliche Meinung, möglichst vor Ort zum Ausdruck bringt,
auch vernehmen können. Eine solche Fähigkeit ist nicht immer gegeben.
Wir können nicht das Risiko eingehen, wie es häufig der Fall ist,
den Reichtum und die Vielfalt der Zivilgesellschaften zu ignorieren, die
im Inneren der „agora“ – auf nationalem, regionalem und lokalem Niveau -
zum Ausdruck kommen.
... und der repräsentativen Demokratie
Wenn die Frage nach den Grenzen der Zivilgesellschaft aufgeworfen wurde,
muss man ebenfalls die nach den Grenzen der repräsentativen Demokratie
stellen. In allen Ländern der Union kann man eine Verringerung nicht
der Legitimität, sondern der Repräsentationsfähigkeit der
Systeme, der Parteien und politischen Institutionen feststellen. Die Aussage,
dass die repräsentative Demokratie sich selbst genügt, ist kaum
akzeptierbar. Die politischen Parteien sind nicht mehr die Orte des gesellschaftlichen
Lebens der Bürgers und die Institutionen haben sich immer weiter vom
Bürger entfernt. So besteht nun ein Problem, das sich auf die Grenzen
des politischen Lebens in unseren Gesellschaften bezieht.
Es besteht eine dritte Serie von Grenzen, die sich auf das Fehlen, oder zumindest
auf den Mangel einer Kultur der partizipativen Demokratie innerhalb der europäischen
Institutionen bezieht. Natürlich experimentieren wir auf der Ebene des
Rates sowie der Kommission, aber zuweilen auch in unseren Beziehungen zum
Europäischen Parlament. Der Prozess der Ausarbeitung des Weißbuches
über das Regieren zeigte doch klar die Grenzen der Dialogfähigkeit
der Kommission mit der Zivilgesellschaft auf. In Zukunft müssen auch
diese Grenzen berücksichtigt werden.
4. Der konstitutionelle Konvent und die Zivilgesellschaft
Wenden wir uns konkret dem Konvents zu, der aufgerufen ist, Antworten aus
die Probleme zu geben, denen sich die Union gegenüber sieht. Es geht
besonders um die Notwendigkeit, ein erweitertes Europa wirksam und demokratisch
funktionsfähig zu gestalten. Eine ganze Reihe von Fragen sind noch offen.
Eine von ihnen betrifft auch die Art und Weise, wie die Debatte zwischen
dem Konvent und der organisierten Zivilgesellschaft strukturiert werden sollte,
und wie man dabei die Erfahrungen berücksichtigt, die in einigen negativen
Fällen im Zusammenhang mit dem die Grundrechte-Charta ausarbeitenden
Konvent entstanden.
Das Ständige Forum der Zivilgesellschaft hat die Idee eines zweiten
Kreises unterstützt (das „Forum“ aus der Erklärung von Laeken),
der außerhalb des Konvent existiert und noch von den Organisationen
der Zivilgesellschaft selbst, und nicht vom Konvent oder den Institutionen
zu organisieren ist. Zwischen diesem zweiten Kreis und dem Konvent sollte
eine Verbindung hergestellt werden, die eine wirksame Rolle spielen kann.
Über sie sollten dem Konvent die Sorgen und Bedürfnisse der zivilen
Gesellschaft übermittelt werden. Dazu sollte sich diese Zivilgesellschaft
in Übereinstimmung mit den Interessengebieten organisieren und das Präsidium
des Konvents – im Gegensatz zu dem, was bei der Grundrechte-Charta passierte
- einen ständigen strukturierten Dialog mit diesem zweiten Kreis
garantieren.
Wenn in diese Richtung vorgegangen wird, wird der Konvent in der Lage sein
wird, eine wirksame und demokratische Arbeit zu realisieren, die in die Ausarbeitung
einer Verfassung mündet, die - um mit den Worten Jacques Delors zu sprechen
– das Instrument der Pädagogik der Demokratie sein sollte. Wenn wir
fähig sind, in dieser Richtung zu agieren, können am Ende neue
Formen der Demokratie auf europäischer Ebene errichten, die diesen Dialog
zwischen der repräsentativen und der partizipativen Demokratie ermöglichen.